Siggy Zielinski  – BabyBlaue Seiten review

Die Besetzung des ersten Albums von Animate „Infinite Imaginations“ aus Polen war bereits Geschichte, als das Album 2021 erschienen ist. Der damals für ausgeschiedenen Sänger Robin Niemiec gekommene Janusz Rymar ist 2025 auch schon längst weg, weshalb Animate auf ihrem zweiten Album „Laudanum“ als instrumentales Trio durchstarten. Die Kernbesetzung aus Marcin Trela (Gitarren) und Przemek Skrzypiec (Bass, Synth & Environment) präsentiert auf „Laudanum“ gleich einen neuen Drummer namens Marcin Lipski, dessen Spiel in seiner Komplexität dem seines Vorgängers Sebastian Jezierski in Nichts nachsteht.


Allem Anschein nach war die o.g. Kernbesetzung durch die ständig aussteigenden Sänger richtig genervt, so dass man schließlich mit „Laudanum“ ein gesangsfreies Album aufgenommen und veröffentlicht hat. Die hart rockenden und abwechslungsreich riffenden Heavy Prog-Instrumentals sollten auf dem Album auch ohne Gesang textliche Inhalte vermitteln. Diese wurden zu jedem Stück im CD-Heft abgedruckt. Bei den Inhalten geht es um tiefgründige Gedanken aus den Bereichen Religion, Wissenschaft und Geschichte. Die Aufgabe erscheint mir extrem schwierig, nur mit den Ausdrucksmitteln eines gesangsfreien Heavy Prog Trios etwas zu einem Thema auszusagen, wie beispielsweise zur Rolle des Schmerzmittels Optiumtinktur (früher auch als Laudanum bekannt) in der Geschichte der Menschheit. Genau das versuchen Animate in dem Titeltrack und zwar nicht auf die vielleicht naheliegendste Art, was für mich in dem Fall eine extrem psychedelisch und narkotisiert wirkende Musik wäre.


Nein, Animate möchten solche Themen ausschließlich mit gut abgehenden und interessant strukturierten Heavy Prog-Kompositionen in einer Trio-Besetzung ausdrücken. Gar nicht so einfach. Immerhin bietet der Titeltrack einige sphärische Synthesizerfiguren und eine Gitarre, die ausnahmsweise mal etwas entspannter uns melodischer musiziert. (Es könnte vielleicht an Laudanum liegen). Mitunter wird die Trio-Besetzung um Synthesizer und elektronische Orgel erweitert. An mancher Stelle werden die Riffs von Gitarre und Orgel unisono gespielt, als wären wir bei Deep Purple, nur etwas härter.


Der forsche Musikfreund könnte sich die Frage stellen, inwiefern die Akkordfolgen von „Spirit of Curiosity“ die Neugier der Wissenschaftler widerspiegeln, oder wie genau die Gitarrenfiguren von „Cells“ die DNA-Muster ins Musikalische übertragen. Musikalisch gelingt die Übertragung der textlichen Inhalte für meine Begriffe eindeutig nur in dem orientalisch eingefärbten „Arise from the Sand“, einem Stück, das von den Konflikten und Kriegen im Nahen Osten handelt.

Als wichtige Inspirationen werden Dream Theater, Plini und Animals als Leaders genannt. An mancher Stelle würde ich noch Rush nennen wollen.


Stellenweise übernehmen kosmischen Synthesizerflächen sowie Sprach- und Musik-Samples die Rolle der Inhaltvermittler. Die ohne den melodischen Gesang des Vorgängeralbums auskommende Musik auf „Laudanum“ wirkt dadurch härter und direkter. Ohne Gesang ist es weitgehend eine andere Band geworden, bei der die Leistungen der drei Instrumentalisten genau belauscht und beurteilt werden können. Die Gitarrensolos müssen teilweise die nicht vorhandenen Gesangsmelodien ersetzen. Manchmal wünschte ich mir in dem Kontext eines Powertrios doch mehr Herausragendes von Bass und Schlagzeug.


Trotz einiger Verbesserungsvorschläge halte ich die musikalische Leistung auf „Laudanum“ für empfehlenswert, falls man auf hart riffenden Heavy Prog steht. Für so viel Spaß am Abrocken – es wirkt oft so energetisch, wie bei einem Konzert – gibt es von mir einen zusätzlichen Punkt.

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